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Die Paläo Diät. Die Wiederentdeckung einer steinzeitlichen Ernährungsform oder alter Wein in neuen Schläuchen? Teil2

Karl Sudi

Der gebürtige Grazer Karl Sudi ist promovierter Sportwissenschafter und Professor für Physiologie und Sportphysiologie an der Karl-Franzens Universität Graz.  Als ehemaliger Leistungssportler und aktiver Hobbysportler beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit den Auswirkungen und dem Einfluss des körperlichen Trainings auf die Leistungsfähigkeit, den Stoffwechsel und das Körpergewicht.

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18.11.2019 – 0 Kommentare

Fortsetzung von Teil 1:

Wie könnte eine „Steinzeit-Ernährung“ nun grundsätzlich ausgesehen haben, wenn alle Fakten, die aufgrund der vorhandenen Veröffentlichungen zur Verfügung stehen, zusammengefasst werden.

Das Ernährungsverhalten aller Völker, die auf eine Tätigkeit als Sammler und Jäger zur Sicherung der Nahrung angewiesen sind, zeigt eine erhebliche Variationsbreite. Folgt man den vorwiegend ethnographischen Befunden, so schwankt der Anteil an gesammelter Nahrung zwischen null und teilweise 85 Prozent, während der Fischfang und die Jagd zwischen 15 bis 100 Prozent ausmachen können. Betrachtet man die gesamten dazu erhobenen Daten und versucht so etwas wie einen einheitlichen Nenner zu finden, dann zeigt sich, dass im Mittel die Mehrheit der Sammler und Jäger den Bedarf über Fischfang und Jagd abdeckt. Ein relativ geringer Prozentsatz dabei sichert sich den Nahrungsbedarf primär über gesammelte Nahrung. Die grosse Varianz dabei wird unter anderem auf die unterschiedlichen geographischen und klimatischen Bedingungen zurückgeführt, in denen diese Naturvölker leben. Relativierend kommt jedoch hinzu, dass viele dieser Befunde meistens auf keinen ernährungswissenschaftlichen Zugängen basieren und oftmals auch eine Geschlechter-Bias zu finden ist. Insbesondere die meistens von Frauen durchgeführte Sammlertätigkeit in diesen Naturvölkern ist dabei nicht immer adäquat berücksichtigt und kann somit auch ein verzerrtes Bild der tatsächlichen Gegebenheiten ergeben.

Es gibt nur von wenigen Naturvölkern (hauptsächlich solchen aus Afrika, Südamerika, Australien) aussagekräftige Daten. Dabei zeigt sich auch hier eine bisweilen grosse Schwankungsbreite zwischen aber auch innerhalb der einzelnen Kulturen in Abhängigkeit von Region und Jahreszeit. Auffallend ist, dass Lebensmittel tierischer Herkunft (die zum Teil mit einem nicht unerheblichen Fett- und damit Kalorienanteil einhergehen) von grosser Bedeutung für alle Kulturen sind. Auf der anderen Seite stehen einige afrikanische Völker, die einen Anteil an pflanzlicher Kost von mehr als 50 Prozent aufweisen.
 

Verteilung der Makronährstoffe

In vielen Kulturen scheint Honig eine substantielle Rolle zu spielen, wenn es um die Sicherung der täglichen Kalorienzufuhr geht. Honig kann dabei jahreszeitlich bedingt bis zu deutlich mehr als 60 Prozent des energetischen Bedarfs abdecken, was durchaus erstaunlich ist und substantiell über den aktuellen Empfehlungen bezüglich der Kohlehydratzufuhr liegt. Somit variiert auch die Makronährstoffzufuhr, also das Verhältnis von Kohlenhydraten, Fetten und Eiweissen ebenso innerhalb und zwischen den jeweiligen Kulturen. Ein typisches Ernährungsprofil für diese Jäger und Sammler Kulturen lässt sich als nicht wirklich fundiert aufstellen. Gesamt und über die Zeit betrachtet weisen alle diese Kulturen im Mittel aber eine eher unterdurchschnittliche Kohlenhydratzufuhr (dies liegt dabei unter etwa 40 Prozent der täglichen Energieaufnahme) sowie eine leicht erhöhte Eiweisszufuhr (mehr als 20 Prozent) auf.

Berücksichtigt man die Energiezufuhr und den möglichen Energieaufwand, der sich aufgrund der körperlichen Tätigkeit der Naturvölker ergibt, fällt auf, dass hier von einem Gleichgewicht ausgegangen werden kann. Mit anderen Worten, es wird nicht mehr an Kalorien zu sich genommen als verbraucht wird. Dies steht doch in einem gewissen diametralen Verhältnis zu unserer modernen Ernährung, die oftmals einen Kalorienüberschuss bei einem gleichzeitig geringen Mass an körperlicher Aktivität aufweist.

Wenn wir als Basis für die Festlegung einer Ernährung der Steinzeit die ernährungsrelevanten Daten der heutigen Sammler und Jäger (also die o.a. Naturvölker) heranziehen, so ist dies doch bis zu einem gewissen Grad auch inkonsistent. Denn der urzeitliche Mensch hat seinen Ursprung hauptsächlich in ostafrikanischen Gebieten. Daher wäre es nur folgerichtig, sich hauptsächlich die Ernährungsweise einiger ostafrikanischen Volksgruppen genauer anzuschauen. Hier gibt es aber wiederum nur sehr wenige Gruppen, die man als «modernes Beispiel» einer Paläo-Ernährung heranziehen kann. Bei diesen wenigen Gruppen zeigt sich, dass der Anteil gesammelter Nahrung deutlich über dem der erjagten Nahrung liegt. Somit also eher eine pflanzliche Kost, die mit einem Anteil von 35 bis 50 Energieprozent Kohlenhydraten einhergeht. Der Anteil an Eiweissen dabei liegt bei etwa 20 bis 30 Energieprozent, der der Fette bei 30 bis 35.

Was zeigen uns all diese Befunde? Die Ernährungsweise der Sammler und Jäger, egal welche Naturvölker man heranzieht, ist variabel und flexibel, sie ist angepasst an die Jahreszeiten und die geographischen Gegebenheiten. Ein einheitliches Charakteristikum, mit dem man eine Paläo-Diät beschreiben könnte, lässt sich dabei nicht ausmachen; dies betrifft die Makronährstoffzufuhr ebenso wie die Säurelast. Somit lässt sich also aus wissenschaftlicher Sicht eine typische Paläo-Diät nicht definieren.
 

Übertragung der Erkenntnisse in die heutige Zeit

Die heutigen Ansichten, wie eine Paläo-Diät beschaffen war, steht in Abhängigkeit der einzelnen wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Betonen die einen Autoren den Vorzug einer beliebigen Relation von pflanzlicher und tierischer Kost (solange nur das Energiegleichgewicht bestehen bleibt) so vertreten andere den Ansatz eines höheren Verzehrs von Fleisch und Fisch. Wiederum andere machen den heutigen hohen Kohlenhydratanteil für viele Stoffwechselprobleme verantwortlich (vor allem dann, wenn wir diese Kohlenhydrate nicht durch körperliche Arbeit verbrennen). Im Gegensatz dazu betonen die nächsten, dass sich der humane Stoffwechsel durchaus an eine höhere Kohlenhydratzufuhr im Verlauf der Evolution angepasst hat. Schlussendlich haben damit alle Recht, denn wenn die Paläo-Diät so variabel ist oder war, wie vermutet werden kann, dann können alle diesbezüglichen Ernährungsempfehlungen «richtig» sein.
 

Fazit

Ungeachtet der nicht behandelten aber sehr grundsätzlichen Frage einer evolutionären Anpassung des Ernährungsverhaltens des Menschen an sich ändernde Umstände bleiben einige bemerkenswerte Parameter bestehen. Basierend auf einem praktischen Zugang zur Frage, ob und wie man sich «paläolithisch» ernähren soll, lässt sich also folgendes festhalten:

Die Ernährungsweise ist flexibel, sie kennt keine fixen Normwerte für die Makronährstoffe (z.B. das Beibehalten eines bestimmten Anteils von Kohlenhydraten oder Fetten oder Eiweissen), sondern sie steht in Abhängigkeit von der Jahreszeit und dem  Energieverbrauch durch Arbeit bzw. anstrengende und weniger anstrengende körperliche Tätigkeiten (z.B. Sport). Eine, im wahrsten Sinne des Wortes, «bunte» Ernährung. Damit sollte man sich heute die Frage stellen, ob die ständige Verfügbarkeit aller Nahrungsmittel das ganze Jahr über gepaart mit einem geringen energetischen Verbrauch nicht das Übel der modernen Ernährung darstellt. In diesem Sinne würde die Rückbesinnung auf das, was unsere Vorfahren (und dabei bräuchten wir wohl nicht einmal bis zum Paläolithikum zurückschauen) gegessen oder nicht gegessen haben, in einem neuen Lichte erscheinen und durchaus Sinn ergeben.