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Die Paläo Diät. Die Wiederentdeckung einer steinzeitlichen Ernährungsform oder alter Wein in neuen Schläuchen? Teil 1

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14.10.2019 – 0 Kommentare

Unsere heutige Ernährung – vor allem in den Industrienationen – ist durch eine ständige Verfügbarkeit fast aller gängiger Nahrungsmittel gekennzeichnet. Mit einer oftmals hohen kalorischen Dichte und entsprechender Verarbeitung sorgt unsere «moderne» Ernährung dafür, dass wir mehr an Kalorien zu uns nehmen als wir benötigen. Die Konsequenzen daraus sind allen bekannt: Übergewicht, Typ2-Diabetes und andere Stoffwechselerkrankungen zählen zu den häufigsten Beeinträchtigungen von Gesundheit und Wohlbefinden. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich immer wieder «neue» Ernährungsformen oder Änderungen bestehender Ernährungsratschläge finden, um uns mit einer ausgewogenen und bedarfsorientierten Zusammensetzung von Nährstoffen wieder gesund zu machen oder gar nicht erst krank werden zu lassen. Die Schlagzeilen einschlägiger Medien geben Zeugnis davon: Es gibt Ernährungsformen mit Low-Carb, High-Protein, High-Fat oder Low-Fat Anteilen, es gibt das intermittierende Fasten mit unterschiedlichen Fastenintervallen, vegetarische und vegane Kostformen oder eben auch eine Paläo-Diät. Allen gemeinsam ist, dass die Vertreter der jeweiligen Ernährungsformen viel versprechen. Schlussendlich müssen wir uns die Frage stellen, ob all diese unterschiedlichen Diät-Formen den Versprechungen aber auch gerecht werden.

Seit einigen Jahren finden sich immer mehr Anhänger und Vertreter einer Ernährungsform, die die Ernährung der Steinzeitmenschen als eine adäquate Möglichkeit für den modernen Menschen propagiert. Der dabei postulierte wissenschaftliche Hintergrund ist einfach und, auf den ersten Blick, auch durchaus einleuchtend. Eine Ernährung, die sich an der evolutionären Entwicklung des Menschen und damit auch an seiner genetischen Ausstattung orientiert, kann nicht schlecht sein.

 

Was können wir unter dem Begriff «Palaölithische Ernährung» verstehen?

Vor mehr als 30 Jahren wurden in einer hochrangigen medizinischen Fachzeitschrift die möglichen präventivmedizinischen Vorteile einer Ernährung publiziert, die sich an der qualitativen Zusammensetzung der Inhaltsstoffe der Ernährung der Steinzeitmenschen orientiert. Die im Zuge der weiteren Entwicklung bis in die heutige Zeit propagierte Ernährung sollte somit aus jenen Bestandteilen (Nüsse, Samen, Gemüse, Obst, Wurzeln, Wildfleisch, Fisch) zusammengesetzt sein, die auch dem Steinzeitmenschen zur Verfügung standen. Auf den ersten Blick eine proteinreiche und kohlenhydratarme Ernährung mit einem moderaten Fettanteil. Damit würde diese Paläo-Diät auch vom theoretischen Konzept her dem entsprechen, wonach der Mensch das essen sollte, was ihm aufgrund der «genetischen Evolution des Magen-Darmtrakts» am besten bekommt.

 

Jäger und Sammler oder der paläolithische Mensch?

In der Betrachtung und Frage nach der Ernährung des paläolithischen Menschen stossen wir aber auf Probleme. Zum einen umfasst das Paläolithikum einen Zeitraum von einigen Millionen Jahren, was dazu führt, dass man auf sehr aufwändige Untersuchungsmethoden angewiesen ist, um das aus dieser Zeit vorhandene Datenmaterial zu erfassen und auszuwerten. Was somit in diesen frühen Jahren der Menschheit eine zeitgemässe Ernährung war, kann nur recht spekulativ beantwortet werden. Man behilft sich daher mit der Untersuchung der möglichen Ernährungsweise von Vertretern der Gattung Homo sapiens bzw. der von Jägern und Sammlern. Dieser Zugang aber setzt voraus, dass die dabei untersuchten Gruppen von Jägern und Sammlern einer Ernährungsweise folgt, wie sie der Ernährung der altsteinzeitlichen Menschen entsprechend war. Damit aber auf die ursprünglichen Verhaltensweisen zu schliessen und die Ernährungsweisen des Paläolithikums gleichsam abzubilden, erscheint fragwürdig.

 

Was sind Jäger und Sammler und wie sieht ihre Ernährung aus?

Jäger und Sammler praktizieren eine Ernährung, die auf den Ergebnissen von Jagd, Fischfang und Sammeln von Nahrung basiert. Allerdings ist diese exakte Trennung nicht ganz aufrecht zu erhalten, da wir meistens eine Mischform vorfinden, also auch einen einfachen Pflanzenanbau, eine einfache Form der Landwirtschaft und auch Viehhaltung. Streng genommen bedeutet «jagen» und «sammeln» aber, dass eine Ernährungsweise verfolgt wird, die hauptsächlich aus Wildfleisch, Fisch und Pflanzen besteht. Das was in den letzten 30 Jahren in der wissenschaftlichen Literatur als Paläo-Diät zu finden war bzw. zu finden ist, basiert auf der Zusammenstellung von Forschungsergebnissen, die anhand der Befunde von Jäger- und Sammlervölkern stammen. Dabei wurde berücksichtigt, welchen Anteil die aus Jagd, Fischfang oder der Sammeltätigkeit stammenden Anteile an der Gesamternährung einnehmen. In einer ersten Kalkulation wurde diese Form der Ernährung mit etwa 45% Kohlenhydraten (CHO), 35% Eiweissen (PROT) und 20% Fett (FT) angegeben. Gleichwohl wurde aber darauf verwiesen, dass aufgrund jahreszeitlicher Schwankungen und geografischer Unterschiede der Anteil pflanzlicher und tierischer Lebensmittel einer nicht unerheblichen Variationsbreite unterworfen ist bzw. sein kann. Das hat zur Folge, dass sich die Anteile von Makronährstoffen (CHO, PROT, FT) entsprechend verändern können. Spätere Modellrechnungen zeigten, dass man den Anteil der vom Tier stammenden Nahrung unterschätzt und den Anteil der Nahrung aus der Sammlertätigkeit zu hoch angesetzt hat. Bei der Mehrzahl der Jäger- und Sammler Völker überwiegt der Anteil der Nahrung aus Jagd und Fischfang und nur ein geringer Prozentsatz deckt den Bedarf vorwiegend über das Sammeln.

 

Relation der Nährstoffe bei Jägern und Sammlern

Den Berechnungen zur Verteilung der Makronährstoffe liegen dabei verschiedene Annahmen zugrunde.

  1. Es wird eine bestimmte durchschnittliche Energieaufnahme angenommen. Diese beträgt etwa 3000kcal.
  2. Die gesammelte Nahrung ist pflanzlicher Herkunft, wobei der Energiegehalt dieser Nahrung aufgrund der Zusammensetzung (Obst, Früchte, Samen, Nüsse, Wurzeln, Gräser) gemittelt wird
  3. Der Kohlenhydratanteil bei tierischer Nahrung wird weitestgehend vernachlässigt
  4. Der Anteil an Fetten beim Fleisch von Wildtieren wird rechnerisch über den unterschiedlichen Körperfettanteil von verschiedenen Wildtieren kalkuliert

Auf dieser Basis ergeben sich grosse Variationsbreiten für die Makronähstoffe, wenn man diese in Form der Energieprozent berechnet. So liegt der Anteil der PROT bei etwa 20 bis 56%, bei den CHO von 22 bis 40% und bei den FT um 23-58%. Mit anderen Worten, hier findet man fast alle Variationen, so wie wir sie aus den diversen heutigen Ernährungsempfehlungen kennen. Auffallend dabei ist, dass im obigen Modell der Anteil der CHO nicht über 40% liegt. Ein Umstand, auf den noch einzugehen sein wird.

Eine nicht unerhebliche Frage ergibt sich aufgrund dieses Berechnungsmodells in Bezug auf die durchschnittliche Eiweisszufuhr. Wird mit einem hohen PROT Anteil (im obigen Beispiel >50%) nicht die Ammoniakelimination der Leber überfordert? Da über den Harnstoffzyklus nur bestimmte Mengen an Ammoniak eliminiert werden können (und mit einer Ernährung, die 50% Energieprozent an PROT liefert, ist diese Eliminationskapazität überschritten), hätte sich eine sehr proteinreiche Ernährung evolutionär kaum durchgesetzt, da diese für den Menschen toxisch gewesen wäre.

Zusammengefasst können wir mit einem ersten Fazit davon ausgehen, dass sich eine „steinzeitliche“ Ernährung wissenschaftlich nicht ganz auf den Punkt bringen lässt und einiges an weiteren Fragen offen lässt.

Teil 2 folgt.