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Rückblick Northcape4000 2. Teil: Ernährung, Taktik

Der 35-jährige Sonderpädagoge Paul Wüst steht für Leidenschaft, Inspiration, Entwicklung, Nachhaltigkeit und Bescheidenheit. 

Sein aktuelles Projekt führt ihn mit dem Velo über 4300 km von Turin bis ans Nordkap und steht für Ausdauer, Strategie, Eigenständigkeit und Humanpower.

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02.09.2019 – 0 Kommentare

Im Bereich der Ernährung wollte ich etwas ausprobieren, was man sonst in der self-supported Szene nicht unbedingt macht. Ich wollte mich komplett flüssig mit Sportnahrung ernähren. Pro Tag habe ich acht Bidons Sportgetränk, sechs Gel auf Fettbasis und sechs Portionen Protein zu mir genommen.

Das Gesamtgewicht war mit 7,5 kg jedoch zu gross, um es die ganze Reise mit mir zu tragen. Für den zweiten Teil habe ich mir deshalb ein Paket nach Oslo geschickt. Das Konzept ging super auf, ich brauchte nur Wasser von aussen und konnte dadurch sehr viel Zeit für die Nahrungssuche und Aufnahme, im Vergleich mit meinen Mitstreitern, sparen. Was nicht gut aufging: Mein Paket nach Oslo war aber am Zoll in Norwegen hängen geblieben. Also musste ich für den zweiten Teil „normales“ Essen zu mir nehmen. Von da an habe ich mich mit Nahrung von Tankstellen und Supermärkten ernährt und habe eben das Beste aus dieser neuen Situation gemacht.
In den ersten zwei Tagen bin ich alleine für mich gefahren, da die Athleten um mich herum eigentlich alle am Grossen Sankt Bernhard losgezogen sind, ich dieses horrende Tempo jedoch nicht mitgehen konnte. Am Ende des zweiten Tages in den nördlichen Ausläufern der Vogesen habe ich Stefano getroffen. Mit ihm bin ich dann zwei Tage gefahren. Zu diesem Zeitpunkt war ich recht müde und es war eine sehr willkommene Unterstützung, mit ihm zu fahren. Dafür war es aber auch nicht mein Rhythmus und schlussendlich bin ich in der Fläche von Norddeutschland vor Bremen in ein tiefes Loch gefallen und unsere Wege haben sich wieder getrennt. Wie weiter oben beschrieben, habe ich mir dann in Flensburg das Hotelzimmer genommen und bin super ausgeschlafen über die Grenze nach Dänemark gefahren.

In Dänemark gab es zwei verschiedene Fähren, mit welchen man nach Norwegen übersetzen konnte. Der direkte Weg war über Frederikshavn mit der Fähre nach Oslo, die nur einmal am Tag fährt. . Die zweite Fähre  von Hirtshals nach Narvik bedeutete 138 km zusätzlich mit dem Velo nach Oslo zu fahren. Dafür gab es 3 Verbindungen pro Tag. In den verschiedenen Gesprächen mit den Fahrern habe ich festgestellt, dass keiner die zweite Option überhaupt in Erwägung zog, ich aber bei der Planung mir vorgenommen habe, die Fähre zu nehmen die als nächstes abfährt. Vom Timing her wäre ich am Abend in Frederikshavn angekommen, hätte eine Nacht im Hotel verbracht und danach den Tag auf der Fähre. Da ich aber ausgeruht war und ich überzeugt war, dass es für mich wichtig war im Rhythmus zu bleiben, habe ich mich für die zweite Option entschieden, die Abendfähre zu nehmen und die zusätzlichen Kilometer in Kauf zu nehmen. Damit bin ich fast 9 Stunden vor allen anderen, die die Fähre direkt genommen haben, in Oslo angekommen und habe damit den 3. Platz übernommen, welchen ich bis ins Ziel bringen konnte. 9 Stunden klingt nach viel, ich war mir aber bewusst, dass dies nicht so viel war, da die anderen top erholt in Oslo ankommen und Jagd auf mich machen werden und ich wenig geschlafen habe und zusätzlich 138 km in den Beinen hatte. Meine Strategie war, die Nacht hindurch möglichst viel zu fahren und erst wieder eine längere Pause zu machen, wenn die anderen müde geworden sind. In so einem Rennen macht man den grossen Unterschied nicht wirklich wenn man schneller fährt, sondern wenn man am Fahren ist und die Konkurenz nicht. Das Verschlafen in Flensburg und die damit verbundene Erholung gaben mir die Möglichkeit, 10 Athleten zu überholen. Ich habe in dieser Situation das Bestmögliche gesehen und es umgesetzt. In diesem Teil bin ich nahe an meine Grenzen gekommen aber es hat sich am Schluss ausbezahlt. Auf dieser Reise habe ich gelernt, dass nicht immer alles glatt läuft. Es ergeben sich aber immer wieder Möglichkeiten, aus diesem Tief herauszukommen – die Kunst liegt dann darin, diese Möglichkeiten zu ergreifen.

Erfahre im 3. Teil mehr über mein Abenteuer.