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Rückblick Northcape4000 1. Teil: Vertrauen und Schlaf

Der 35-jährige Sonderpädagoge Paul Wüst steht für Leidenschaft, Inspiration, Entwicklung, Nachhaltigkeit und Bescheidenheit. 

Sein aktuelles Projekt führt ihn mit dem Velo über 4300 km von Turin bis ans Nordkap und steht für Ausdauer, Strategie, Eigenständigkeit und Humanpower.

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27.08.2019 – 0 Kommentare

Mit grossem Respekt bin ich an der Startlinie des Northcape4000 gestanden. Die Vorbereitung war nicht optimal verlaufen und ich war mir bewusst, dass dieses Rennen nicht einfach verlaufen wird. In diesem Blog werde ich euch ein wenig an meinen Gedankengängen und Taktiken teilhaben lassen, welche mich schlussendlich zum 3. Platz in diesem Rennen geführt haben.

Als erstes habe ich im Vorfeld intensiv daran gearbeitet, Vertrauen in mich aufzubauen. Bildlich habe ich eine Brücke gebaut, welche mich direkt an die Globusskulptur am Nordkap geführt hat. Eine Bogenbrücke, wie man sie in Norwegen oft vorfindet, welche ohne Stützpfeiler auskommt. Ich habe mir immer wieder vorgestellt, dass diese Skulptur mich kraftvoll anzieht. Wenn ich bei einer Trainingsausfahrt zum Beispiel berghoch zu kämpfen hatte und an meine Grenze gekommen bin, so habe ich mir immer wieder vor Augen geführt, dass nicht dieser Pass das Ziel ist, sondern eben diese Skulptur. Mit diesem Gedanken konnte ich die einzelnen Hürden viel besser bewältigen. Im Rennen selber hat dies genauso funktioniert und das Bild der Bogenbrücke gab mir im zweiten Teil des Rennens zusätzlich Schwung.

Wenn ihr meinen letzten Blog gelesen habt, wisst ihr dies bereits; ich versuche aus jeder Situation das Bestmögliche zu machen. Dies war mein Mantra in der Frage des Schlafmanagment, der Ernährung und der eigentlichen Renntaktik. Im Vorfeld habe ich durch die Analyse meiner Schlafzyklen herausgefunden, dass ich ca. 4 Stunden und 40 Minuten Schlaf benötige, um die gewünschte Leistung zu vollbringen. Ich habe mir also zum Ziel gesetzt, dies so umzusetzen – aber schon in der ersten Nacht ist dieser Plan nicht aufgegangen. Ich habe eine ganze Weile gebraucht, bis ich überhaupt einen geeigneten Platz gefunden habe – erschwerend kam dazu, dass es deutlich nach starkem Regen ausgesehen hat. Endlich hatte ich in der Nähe eines Bauernhofes einen Unterstand gefunden, welcher solide aussah und den Eindruck erweckte, mich vor dem Regen zu schützen. Das Dach war aber nicht so dicht wie es aussah und nach zwei Stunden bin ich aufgewacht, da mir das Regenwasser ins Gesicht tropfte. In diesem Moment war es mir egal, wie viel ich geschlafen hatte: Ich zog mein Regenoutfit an und habe mich wieder auf mein Velo gesetzt und bin weiter gefahren. In den nächsten Tagen kam der Schlaf immer zu kurz und dadurch wurde ich immer langsamer. In Flensburg war mir klar, dass ich mehr schlafen muss und ich habe mir ein Hotelzimmer genommen. Mein Plan: Sechs Stunden Schlaf. Ich habe den Wecker jedoch nicht gehört und bin erst nach acht Stunden wieder aufgewacht. Mein Köper brauchte die Erholung und es war mental auch völlig okay, dass mich andere Athleten in dieser Zeit überholt haben. Diese Situation war schlussendlich ein Schlüsselmoment für meine Drittplatzierung – dazu aber später mehr.
Schläft man mehrere Nächte zu wenig, kommt man in einen Zustand einer sehr grundlegenden Müdigkeit, gekennzeichet durch Abnahme der kognitiven Leistung, einem verstärkten Hungergefühl und Sekundenschlaf. Bedingt durch die Rennsituation habe ich mich am 7. Tag darin wiedergefunden. Ich wusste, dass es dies gibt, es war aber eine ganz neue Erfahrung für mich. Vor allem der Sekundenschlaf hat mich aufgeschreckt – das kann auf dem Velo ganz schön gefährlich werden. Meine Antwort darauf waren Powernaps. Mit dem Vertrauen, dass mein Körper sich die für ihn benötigte Erholung nimmt, habe ich nie einen Wecker gestellt. Mit dieser Taktik konnte ich mich wieder aus dieser Müdigkeit herausholen und habe sie danach weiter verwendet, sobald ich merkte, dass meine Leistungsfähigkeit abnimmt.

Im 2. Teil erfährst du mehr über mein Abenteuer.