Anmelden

Newsletter abonnieren

Sie sind hier

Nordic Walking als sinnvolle Ergänzung in der Behandlung von Herz-Kreislauferkrankungen?

Karl Sudi

Der gebürtige Grazer Karl Sudi ist promovierter Sportwissenschafter und Professor für Physiologie und Sportphysiologie an der Karl-Franzens Universität Graz.  Als ehemaliger Leistungssportler und aktiver Hobbysportler beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit den Auswirkungen und dem Einfluss des körperlichen Trainings auf die Leistungsfähigkeit, den Stoffwechsel und das Körpergewicht.

Weitere Beiträge

Zum Kommentieren bitte anmelden

Einloggen

Passwort vergessen?
Neu bei Vituro? Hier kannst du dich als EGK-Versicherter oder als Nicht-Versicherter registrieren.
23.05.2020 – 0 Kommentare

Regelmässige körperliche Aktivität ist ein wesentlicher Faktor in der Prävention verschiedener Erkrankungen. Aktuelle Empfehlungen sehen vor, dass wir uns täglich mindestens eine halbe Stunde aktiv bewegen sollen, um einen möglichst grossen Nutzen für die Gesundheit zu erzielen. Alles was darüber hinausgeht hat jedoch weitere, zunehmend positive Effekte, sodass wir uns «eigentlich» gar nicht genug bewegen können.  
 

Moderner Lebensstil und Herz-Kreislauferkrankungen

Während der letzten Jahrzehnte verzeichnet man in den hochentwickelten Ländern eine deutliche Reduktion des täglichen Bewegungsausmasses, die als Folge der Veränderungen in der Berufswelt und der zunehmenden Technologisierung vieler Prozesse zu sehen ist. Das sogenannte «sedentary behaviour», also ein vorwiegend sitzender Arbeitsalltag, trägt zunehmend zu einer Erhöhung der Erkrankungsrate im Bereich des Stoffwechsels und des Herz-Kreislaufsystems bei. Daher erscheint die Entwicklung von Bewegungsprogrammen für die sekundäre Prävention zunehmend gerechtfertigt. Diese Bewegungsprogramme nehmen eine Schlüsselfunktion ein, um die Lebensqualität und den Gesundheitszustand über eine Verminderung der Risikofaktoren - in diesem Kontext die Änderung des «sitzenden Lebensstils» - zu beeinflussen.
 

Nordic Walking und die Einhaltung von Bewegungsvorgaben

Ein entscheidender Faktor für die positive Wirkung von Bewegung ist die Regelmässigkeit in der Durchführung, ein entsprechender Umfang, das Ausmass der Intensität und vor allem die Attraktivität der durchgeführten körperlichen Aktivität. Letztere nimmt eine Schlüsselrolle ein, wenn Bewegungsprogramme zu einer fixen Grösse im Alltag werden sollen. Wir brauchen also Bewegungsformen die Spass und Freude machen, die eine soziale Interaktion ermöglichen und die leicht durchführbar sind. Eine dieser Bewegungsformen ist Nordic Walking, das seinen Ursprung in Finnland hat. Diente das Nordic Walking vorerst primär als Sommertraining für das Langlaufen und Ski-Wandern im Winter, so hat sich dieses mittlerweile zu einer All-Jahres Aktivität entwickelt, die von allen Altersgruppen durchgeführt wird und durchgeführt werden kann. Nordic Walking ist eine körperliche Aktivität, die nicht nur die Muskulatur der Beine beansprucht, sondern aufgrund des Einsatzes spezieller Gehstöcke eine zusätzliche Belastung für die Muskulatur des Oberkörpers bewirkt. Damit wird ein höherer Energieverbrauch im Vergleich zum normalen Gehen erzielt. Je nach Messmethode und Intensität der Bewegung kann dieser Wert um 10% oder noch höher liegen. Nordic Walking verbessert dabei neben der aeroben Kapazität auch die Kraftausdauer und das Gleichgewichtsvermögen.
 

Nordic Walking in der Rehabilitation von Herz-Kreislauferkrankungen

Die klassischen Therapieformen in der Rehabilitation basieren auf einem gezielt durchgeführten Ausdauertraining, welche meistens auf einem Laufband oder Velo-Ergometer durchgeführt werden. Ergänzt wird diese Therapie oftmals auch mit Kräftigungsübungen für den ganzen Körper und Calisthenics. Die Implementierung von Nordic Walking als Trainings-Methode bringt dabei mehrere Vorteile. Zum einen verlagert sich das Training von drinnen nach draussen und ermöglicht daher eine Aktivität auch in der freien Natur und die Einstellung der Motorik auf einen wechselnden Untergrund. Die Umstellung des Bewegungsablaufs, der Schrittlänge und der Schrittfrequenz von einem harten auf einen weichen Untergrund schult die Koordination, die sensorische Wahrnehmung und das Gleichgewicht. Aufgrund der Verwendung von Gehstöcken verringert sich eine etwaig vorhandene Bewegungsunsicherheit und die Angst vor dem Stürzen. Durch die Unterstützung der Gehstöcke reduziert sich auch die Belastung in den Kniegelenken um etwa 30%; in vielen Fällen wird also eine längere und schmerzfreie Belastungszeit ermöglicht. Auch ermöglichen uns die Gehstöcke ein leichteres Bergauf- und Bergabgehen. Da wir beim Nordic Walken mehr an Muskulatur einsetzen als beim normalen Gehen (es werden etwa 75% der wesentlichen Muskeln und Muskelgruppen beansprucht), ist ein erhöhter energetischer Umsatz die Folge, was wiederum einen positiven Effekt auf den Stoffwechsel nach sich zieht.
 

Nordic Walking im Vergleich

Betrachtet man die positiven Auswirkungen des Nordic Walking im Vergleich zu konventionellen Behandlungskonzepten in der Rehabilitation von Herz-Kreislauferkrankungen, so finden sich in vielen Studien bessere Ergebnisse bzw. Auswirkungen. Als positiv genannt werden dabei der erhöhte energetische Verbrauch, die Verbesserung der Rumpf-Stabilität über die zusätzliche Aktivierung der Muskulatur im Oberkörper und eine Zunahme der «Quality of Life». Auch wenn die Lebensqualität eine subjektive Empfindung und Einschätzung darstellt, kann eine gesteigerte Lebensqualität gerade in der Rehabilitation eine sehr wichtige Rolle spielen, da mit einer positiven Einstellung auch die Freude an der Mobilität im Alltag erhöht wird. Als besonders positiv wird das Nordic Walking im Bereich bestimmter neurologischer Erkrankungen gesehen, vor allem dort, wo es um Einschränkungen in der Motorik infolge von z.B. Schlaganfällen geht. Was allerdings bis heute nicht eindeutig geklärt ist, ist die Frage, ob Nordic Walking als alleiniges Therapiekonzept für die unterschiedlichen Formen von Herz-Kreislauf in Frage kommt und mit welchem Trainingsumfang und Intensität dabei vorgegangen werden soll. Auch mögliche geschlechtsspezifische und altersspezifische Unterschiede in der Gestaltung der Therapie müssen noch eingehender untersucht werden, da nicht jede Form einer Herz-Kreislauferkrankung denselben Verlauf nimmt.
 

Nordic Walking ist eine gute und sichere Wahl, wenn es um die Aufnahme von regelmässiger Bewegung in den Alltag geht. Die Ausübung im Freien, das Miteinander mit einem Partner/einer Partnerin oder in einer Gruppe und die im Vergleich zum Gehen und Joggen gelenksschonende Belastung machen es für Jung und Alt zu einer empfehlenswerten Sportart. Das gilt auch für körperlich eingeschränkte Menschen und solche, die mit Übergewicht, Stoffwechselproblemen und anderen Herz-Kreislauferkrankungen eine adäquate Therapieform brauchen. Und wenn wir auch einmal alleine unsere Runden drehen sollten, unsere Gehstöcke sind stets mit dabei; daher «You`ll never walk alone»