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Das Kreditkartenkonto-Prinzip

Von Ariella Käslin
24.10.2018 – 0 Kommentare – Gesund bewegen

«Du musst an dich glauben!» und «handle your mind!»: Das waren die Tipps, von denen ich Ihnen in meinen letzten beiden Blog-Einträgen erzählt habe. Die dritte und letzte Regel, die ich während meiner Karriere lernte und bis heute beherzige, klingt beim ersten Hinhören nicht weniger banal: «Wer seinen Körper belastet, muss ihm auch Erholung gönnen.»

Die Sache ist die: Ich habe diesen Tipp jahrelang nicht beherzigt. Und büsste bitter dafür, ich hatte ein Burn-out und brauchte Ewigkeiten, bis ich wieder einigermassen bei Kräften war. Selbst jetzt, sieben Jahre nach dem Rücktritt, glaube ich nicht, dass ich ganz die Alte bin.

Geht es nicht vielen von Ihnen ähnlich? Man arbeitet und rackert und trainiert sich einen ab, und irgendwann kommt der Hammer. Das ist nicht gut. Das Ziel müsste sein, gar nicht erst in den Hammer zu laufen, sondern das Tempo rechtzeitig zu reduzieren. Wir glauben, wir können ins Minus gehen und uns dann irgendwann in ferner Zukunft etwas Rast gönnen. Aber das stimmt nicht. Damit mir das, was mir im Sport passiert ist, nie mehr wiederfährt, stelle ich mir vor, ich funktioniere wie ein Kreditkartenkonto, das man nicht überziehen kann. Ist kein Geld mehr da, muss ich das Konto aufladen, ehe ich wieder etwas ausgeben kann. Eine Kreditkarte, die es einem erlaubt, mehr Geld auszugeben, als man hat, ist eine schlechte Kreditkarte. So sollten wir auch unseren Kräften gegenüber empfinden: Über Null ist gut, unter Null ist schlecht.

Zumal ein Tag, an dem man sich eine Pause gönnt, kein erfolgloser Tag sein muss – selbst wenn man, wie ich, Erfolg daran misst, wie viele Ziele man in einer gewissen Zeit erreicht hat. Mein Trick? Wenn ich morgens aufstehe und merke, dass ich mich heute schonen muss, setze ich mir einfach ein niedriges Ziel. Zum Beispiel: nicht die Uni zu schwänzen. Stehe ich aber auf und merke, dass ich voller Tatendrang und Energie bin, nehme ich mir vor, drei Arbeiten zu schreiben und am Abend noch zwanzig Kilometer zu rennen. Wer sich clever Ziele setzt, kann sich beim Zubettgehen immer sagen: Yes! Ziel erreicht!

Und dann zufrieden einschlafen.

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Ariella Kaeslin

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Die ehemalige Kunstturnerin Ariella Käslin wurde 2009 Europameisterin und Vize-Weltmeisterun im Pferdesprung. Heute studiert sie Sportwissenschaften und Psychologie an der Universität Bern.
www.ariella-kaeslin.ch